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Erinnerungen und Emotionen

Henry-Martin Klemt ist einer, der mit seinen Gedichten Gemüter zu bewegen vermag, an- oder aufregen kann, zum Nachdenken bringt, schmunzeln lässt oder zu Tränen rührt. Er ist so einer, weil er mit seinen Texten Eindrücke hinterlässt, weil man viele seiner Gedichte singen möchte, nicht nur jene, die schon vom Inhalt einen Wiedererkennungswert in sich tragen.
Sein aktueller Gedichtband „wurzelland.wo„ ist eine beeindruckend vielschichtige Lyrik-Präsentation, deren Formenvielfalt vom Gesang, wie im ursprünglichen Sinne der Lyrik verstanden, und dem Lied über Balladen, Sonette und Verse bis zur Satire reicht. Und immer kreisen sie um das Land des Dichters, seine Heimat („... meine Wurzeln habe ich im Sand…„), wo Mutter Kaulbarschsuppe kochte und er selbst das Gefühl hat, er „könnte noch heut davon zehren…„. Es macht Freude, von „einer Tasse Geduld„ zu lesen, davon, dass „Frost … Menschen nach keinem Bilde„ (forme) und die Zeile „die Frühe fließt wie Milch im Glas„ vor seinem geistigen Auge zu sehen.
Klemt schwelgt in Kindheitserinnerungen, macht sich Gedanken um das Alt-, Pardon, Älterwerden, um das Bleiben, das Abschiednehmen, wenn Kinder das Haus auf dem Weg ins eigene Leben verlassen, um das ganze Leben eben. Doch damit nicht genug: Immer schwingt die Sorge mit, die Sorge um alles, was uns das Leben erschwert ( Klimawandel, Umweltsünden, Hochwasser und andere Katastrophen, die Diskriminierung von Menschen, Kriege und Elend), gefolgt von eindeutigen Positionierungen:„Ich kann den Schlachtlärm länger nicht ertragen.„ und anderen, aber nie ohne Hoffnung aufzuzeigen, wie in seinen Gedichten „Das Jahrtausend ist aus„ und „Das Jahrtausend begann„.
Jeder Leser sucht sich bei seiner Lektüre heraus, was ihm gefällt. Der eine wird seine Lieder als besonders gelungen ansehen, ein anderer die Sonette. Ich bin vor allem angetan von der poetischen Kraft der sprachlichen Bilder, egal, in welcher Gedichtform, von den Dialogen zwischen Gott und Teufel und den kleinen DDR-Bruch-Stücken, die man der jungen Generation heute erklären muss, will sie die Geschichte von Ostdeutschland verstehen. Dazu gehören gängige Abkürzungen, wie die vom ABV, dazu gehören die bekannten Bilder von Tübke, Womacka, Sitte und Mattheuer oder das Lied „Du hast ja ein Ziel vor den Augen„, was bei uns gesungen wurde, bevor die Welt es von jedem Motivationstrainer eingebläut bekommen sollte.
Auch ein Dichter schöpft aus der Inspiration durch Poesie, die vor ihm da war. So auch Klemt, der an Goethe, Kleist, Heine und Hölderlin erinnert und sie damit gleichzeitig wertschätzt. Sympathisch auch die Erinnerung an einen sowjetischen Liedermacher und Schauspieler, dessen Lieder jeder Russe kannte, obwohl sie lange verboten waren. Wyssozki war direkt und sprach mit der Stimme der einfachen Menschen. Dass er auch noch eine Französin liebte, fand die sowjetische Führung gar nicht gut, konnte ihn aber seiner Marina Vlady nicht entreißen.
Das Gedicht „Bahnhof für zwei„ würdigt den sowjetischen Regisseur Rjasanow, der zwei Jahrzehnte den sowjetischen Film mitprägte und musikalische Filme, hinreißende Komödien und starke Charakterstudien vorlegte („Bahnhof für zwei„ war einer seiner besten Filme aus dem Jahr 1982. Der Regisseur starb 2015), die nicht nur ein Riesenland faszinierten, sondern auch Generationen von Russischlehrern aus der DDR, die ihre Praktika in der damaligen Sowjetunion absolvieren durften. Und so lösen Klemts Gedichte nicht nur mannigfaltige Emotionen aus, sondern sie lassen jeden Leser seine eigenen Erinnerungen abrufen.
Wer Lyrik liebt und sich gern einmal in eine stille Ecke zurückzieht, um zu lesen, findet in Klemts aktuellem Lyrikband sprachliche Bilder, starke Themen, sehr viel Heimatbezug, Vergangenheitsbewältigung und geistigen Anspruch per excellence.
Manches Gedicht, liebe interessierte Leser, werden Sie wohl nicht nur einmal lesen. Man möchte es immer wieder in sich aufnehmen und entdeckt jedes Mal etwas Neues dabei.
Sie sollten sich dieses Leseerlebnis gönnen, schließlich ist es nicht irgendeiner, der da gedichtet hat. Klemt ist einer von uns, von hier, aus Frankfurt (Oder).

Sigrid Maria Suszek



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