Sie sind hier:

Poesiealbum 242

Wegzeichen

Freiheit riecht nach Verbranntem

Menschenherz

Hautkontakte

Was ich will

Als wär ich schön

wurzelland.wo

Flatterherz

Das Licht des 13. Mondes

Kritik

Erinnerungen und Emotionen

Morgen in Frankfurt

Eintauchen in die Farben der Liebe

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

Morgen in Frankfurt

Er wohnt am Rande des Landes, aber nicht der Welt. Ein neuer Gedichtband des Frankfurt-Oderaners Henry-Martin Klemt ist erschienen, der mittlerweile achte. Er trägt den schönen, spannenden Titel „wurzelland.wo“.
Klemt wurde 1960 in Berlin geboren. Er erlernte den Beruf eines Offsetdruckers, studierte von 1982-85 am Literaturinstitut in Leipzig und verdient seinen Lebensunterhalt als freiberuflicher Text- und Bildjournalist. Er ist auch Nachdichter und Herausgeber und arbeitet eng mit anderen Künstlern, vor allem Musikern, zum Beispiel dem Liedermacher Frank Viehweg, zusammen.
Frankfurt ist seine Heimatstadt („Die Stadt ist so gläsern wie ein Karaffe, die leer/im Sonnenlicht aufglänzt und funkelnd mit Leben sich füllt.“ Aus: „Morgen in Frankfurt“), aber Klemt ist alles andere als ein Heimatdichter. Im Gegenteil, er geht mit offenen Augen durch die Welt („Vom Bahndamm her trifft mich noch immer der Lockruf der Züge.“) und spannt den Bogen vom Ende des Zweiten Weltkrieges („Ballade von der Heimkehr meines Vaters aus dem Krieg“) bis in die Gegenwart („Das Jahrtausend begann“), er erinnert an Wahlverwandte (u. a. Wladimir Wyssozki) und Weggefährten (u. a. Gerhard Gundermann), er hört, so der Rücktitel, „das Ticken des Jahrtausends und weiß: An dessen Ende werden wir erneut so wie am Ausgang einer Höhle stehen. Und wie jetzt wird dem Menschen zuallererst die Hoffnung ein Zuhause sein.“
Wunderschön und voller Melancholie zum Beispiel gleich zu Beginn das kurze Gedicht „Unzeit“: „Aus meiner Welt/Verabschieden sich die Dinge/Langsam. Die Bilder/Hängen noch an den/Verschwundenen Wänden.“ Seine große Stärke aber – sie machen auch den Hauptteil des Bandes aus – sind die Lieder („Vergessliches Lied“, „Volks Lied“, „Höhlen Lied“ usw.). Der Rezensent kennt kaum einen anderen Lyriker heutzutage, der so sicher den Reim beherrscht, der so kräftige Bilder findet („Und ich trage meine Eulen,/meine Eulen nach Athen,/aber mit den Wölfen heulen,/heulen wirst du mich nicht sehn.“ Aus: „Wölfe und Eulen“), der so melodisch schreibt. Eine Einladung für jeden Komponisten, sie zu vertonen.
Einwände? Nur kleine hin und wieder, „Fortschritt“ zum Beispiel, geschrieben im Februar 2013 („Wenn die Rentnergang/vom Schwanenkiez/den Aldi überfällt,/ ist auch der ABV dabei …“), bleibt im Witz stecken und kommt einfach zu spät.
Am Schluss noch zwei weitere Buchtipps. Herausgegeben hat Henry-Martin Klemt in diesen Tagen auch in schöner Ausstattung aus dem Nachlass die Gedichte seiner „poetischen Eltern“ und Freunde Eva (1946-2009) und Klaus-Dieter Schönewerk (1942-2014). 1972 gründeten sie den Zirkel Schreibender Arbeiter der Druckerei und des Verlags Neues Deutschland, der heute noch – inzwischen als Friedrichshainer Autorenkreis – besteht.

Roland Lampe

Zugriffe heute: 1 - gesamt: 488.