Das Licht des 13. Mondes- Äthiopisches Tagebuch

Das Licht des 13. Mondes

Dreißig Jahre sind vergangen. Die Volksdemokratische Republik
Äthiopien gibt es nicht mehr. Die Deutsche Demokratische
Republik ist der Bundesrepublik Deutschland beigetreten. Verschwunden
sind auch die Dörfer, in denen wir lebten, und die
Staatsfarmen, auf denen wir während der Erntekampagne 1987
halfen. Sie waren ein Teil des landwirtschaftlichen Programms
der Militärregierung von Mengistu Haile Mariam in einem Land,
in dem trotz internationaler Hilfe drei Millionen Menschen akut
vom Hungertod bedroht waren. Auch heute gehört Äthiopien zu
den ärmsten Ländern der Erde, aber die Dörfer und Farmen sind
geschleift.
Wir, das war die neunte Brigade der Freundschaft Werner
Lamberz
der Freien Deutschen Jugend. Was dazu an Unterlagen
existierte, wurde seinerzeit – so hat man es mir berichtet – wendeeifrig
in den Innenhof des Zentralrates der FDJ entsorgt, wie
Berge anderer Dokumente. So ist außer den persönlichen Erinnerungen
nichts geblieben, was Zeugnis legen könnte von den
sechsundachtzig Tagen im Hochland Äthiopiens.
Wir, das war ein gutes Dutzend junger Arbeiter und Ingenieure,
ein Brigadier, ein Dolmetscher und ein Schriftsteller. Es war
ein Luxus, den die Deutsche Demokratische Republik, den der
Zentralrat der Freien Deutschen Jugend sich leistete: Dort, wo
Internationalismus gelebt, Solidarität geübt wurde, schickte der
Jugendverband auch Künstler hin: Musiker, bildende Künstler,
Schreibende.
Es war ein Gewinn für alle. Die Spezialisten vor Ort lernten auf
diese Weise die Arbeit von Kunstschaffenden kennen, denn nicht
selten waren solche Reisen begleitet von Konzerten, Ausstellungen,
Lesungen. Die Kreativität rieb sich an der oft harten körperlichen
Arbeit und den Protagonisten der großen Jugendobjekte.
Aus Weltansage wurde für Arbeiter wie Künstler durch solche
Aufenthalte Weltanschauung.
Rauskommen aus der Deutschen Demokratischen Republik war
neugierigen Menschen ein Wert an sich, für den sie manche
Unbequemlichkeit gern in Kauf nahmen. Die Aussicht, einen
schmalen Teil ihres Budgets in Devisen transferieren zu können,
spielte als Motiv ebenfalls eine Rolle, wenn auch eine weniger
vordergründige, als vielleicht vermutet.
Bedingung für die Mitgliedschaft in der FDJ-Freundschaftsbrigade
Werner Lamberz war, daß ich selbst Teil der Brigade bin,
dass ich ebenso wie die Landmaschinenschlosser und Ingenieure
mitarbeite. Auch wenn es zuweilen möglich gewesen wäre,
verbot ich mir selbst jede Sonderrolle, jedes Privileg. Die einzige
Ausnahme bestand darin, daß ich nachts am Tisch sitzen und bei
Kerzen- oder Taschenlampenlicht meine Tagebücher schreiben
und, wenn ich damit ins Hintertreffen geriet, meinen freien Tag
in der Woche vorziehen durfte.
Ansonsten war ich ein Hilfsarbeiter, dem frühere polytechnische
Bildung, ein technischer Beruf und die Vertrautheit mit
größeren Fahrzeugen zu Gute kamen, aber auch manche Reisen,
die ich bereits absolviert hatte – an die Erdgastrasse in der Sowjetunion,
nach Rumänien und Algerien. Es machte mir nichts
aus, Klingen am Schneidwerk eines Mähdreschers E 512 zu nieten,
Bremsen zu zerlegen, Werkzeug zuzureichen. Und es machte
mir auch nichts aus, wenn es trotzdem Pannen dabei gab und die
Kumpel mich zu ihrem „schreibenden Vorkommnis“ ernannten.
Ich habe mit ihnen die Bergfestzeitung gebastelt und habe ein
Dutzend Gedichte geschrieben, die später in der Tageszeitung
der FDJ Junge Welt veröffentlicht wurden. Das war ja der Hintersinn
des Auftrags, daß Musiker, Maler und Autoren inspiriert
zurückkämen von solcher Reise, dass sie jenen, mit denen sie geschuftet
hatten, ein Denkmal setzten oder besser: daß sie dem,
was wir gemeinsam zu bewegen versuchten, Dauer zu verleihen
halfen.
So ungeschönt und authentisch allerdings, wie es auf diesen
270 Seiten nun vorliegt, sollte es dann doch nicht sein. Es sollten,
sagen wir einmal, alle gut wegkommen dabei und am besten der
Sozialismus in der DDR wie in Äthiopien. Aber dazu ist das
Leben zu kompliziert. Nur, wenn die Wahrheit gut wegkommt, haben
wir auch selber eine Chance, daß das Urteil über uns gerecht
ausfällt. Ich wollte die Wahrheit schreiben und habe das, so gut
ich es konnte, getan. Niemand hat mir hereingeredet dabei. Es
hat mich auch niemand mit Mißtrauen geplagt oder sich selbst
das Maul verboten aus Sorge, etwas Falsches zu sagen.
Wir waren alle, bis auf den Brigadier, zwischen Anfang 20
und Anfang 30. Diejenigen, die zum ersten Mal nach Äthiopien
kamen, begegneten nicht nur einer fremden, überwältigenden
Landschaft, sondern auch einer fremden Kultur. Sie erlebten
nicht nur Gastfreundschaft und Herzlichkeit, sondern auch Lebensverhältnisse,
die oft kaum zu verstehen und nicht auf Anhieb
zu bewältigen waren.
Was wir vorfanden, legte den Schluß nahe, daß es vielleicht
gar nichts würde mit dem Ethiopa Tikdem – Äthiopien voran,
so vom Feudalismus zum Sozialismus springend. Und bei dem,
was wir an den Füßen mitschleppten, der eigenen Heimat, meldete
zwar niemand laute Zweifel an, aber wie tief sich Opportunismus
und Resignation schon bei den jungen Leuten gefressen
hatten, auch wenn sie selbst oft in mehreren gesellschaftlichen
Funktionen tätig waren, das ließ sich schlecht übersehen. Wie
weit Ideologie und Leben auseinanderklafften und wie schwer es
war, diese Kluft im Alltag zu überwinden, das war an den Ufern
der Saale so deutlich, wie an denen des Wabe Shebele.
Ich kam nach diesem viertel Jahr anders nach Hause, als ich
mich auf den Weg gemacht hatte. Ich war voller Eindrücke von
Landschaften, Menschen, Lebensgeschichten, von Aufbrüchen
und Hindernissen. Zugleich war ich um manche Illusion ärmer,
die die Deutsche Demokratische Republik betraf, aber auch den
Aufeinanderprall von Zeitaltern und Kulturen. Ich hatte aber
auch, indem ich Verantwortung übernahm, mehr von der Verantwortung
erfahren, die wir füreinander haben, in einer Brigade
und in der globalisierten Welt.
Das, glaube ich, ist es auch, was dieses Buch aktuell macht. Es
ist ja kaum ein Wimpernschlag Historie seitdem vergangen.
Keiner der sozialen Gegensätze ist überwunden, im Gegenteil, die
Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auf denn je. Es gibt
den verinnerlichten Alltagsrassismus, nicht nur in Deutschland,
aber auch hier, der sich schwer aufbrechen lässt, und der für sein
Vorurteil immer Nahrung findet, wenn er danach sucht.
Nicht alle in der Brigade habe ich in gleicher Weise respektiert.
Einige sind mir rasch ans Herz gewachsen. Zu anderen wahrte
ich eine instinktive Distanz. Manche wurden mir fremder, je
besser ich sie kennen lernte. Aber ich habe jeden von ihnen gemocht.
Ich habe keinen gefunden, der nicht seine guten Seiten
gehabt hätte, seine Stärken, seine liebenswerten Eigenheiten.
Wer unter fremden Himmeln 24 Stunden am Tag zusammen
arbeitet, ißt, trinkt, die Freizeit verbringt, der wird für seine Weggefährten
lesbar, auch wenn er das nicht will oder sich bemüht,
eine Rolle zu spielen. Die meisten haben das gar nicht versucht.
Und wo sie sich, äußeren Drücken geschuldet, dazu gezwungen
fühlten, war ich wütend – aber zum Wenigsten auf sie.
Ja, sie verdienen, dass man sich ihrer erinnert. Denn sie waren
auch die mit dem guten Glauben und den festen Vorsätzen; sie
hatten viel zu verteidigen und ich hoffe, dass es jedem von ihnen
gelungen ist, so gut es ging.



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