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Klaus-Dieter Schönewerk

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Klaus-Dieter Schönewerk

1942 - 2014


Einige Gedichte von Klaus-Dieter Schönewerk sind verstreut in Anthologien, die meisten blieben bis heute ungedruckt. Der Dichter las, wenn man ihn vorzulesen bat. Oder wenn er selbst an der Reihe war, im Zirkel schreibender Arbeiter der Druckerei Neues Deutschland, den er 1972 Jahre gründete und er heute noch – inzwischen als Friedrichshainer Autorenkreis – besteht.

Ich war noch fast ein Kind, als ich dem Journalisten, Diplom-Germanisten und Kunstwissenschaftler aus der Kulturredaktion des Neuen Deutschlands zum ersten Mal begegnete. Meine Deutschlehrerin, seine Frau Eva, hatte mich dazu eingeladen. Auch sie eine Dichterin. Die beiden wurden zu meinen poetischen Eltern. Schönewerks poetischer Kanon war streng. Seine Formel: Im Zweifelsfalle streichen. Er war bereit, um ein Wort, einen Zeilenbruch ohne Gnade zu streiten. Aber nie vergaß er, nach dem Woher des Verses, nach dem Menschen also, zu fragen. Im Zentrum seiner Poetik stand der Paul Wiens zugeschriebene Satz: Gedichte entstehen aus der Untröstlichkeit.

Schönewerk wusste um den dunklen Ton in sich, der von Anfang an da war. Er haftete sich den Dingen an, die er immer wieder beschrieb: Nacht, Gras, Wind, Straße. Natur und Gesellschaftlichkeit durchdringen einander nicht in vordergründigen Metaphern, aber eines ist immer im anderen Präsent. Dazwischen der Mensch in seiner Kreatürlichkeit und in seiner Sehnsucht nach Nähe.

Tiefe Skepsis angesichts der Entwicklung des Staatssozialismus zur Staatskatastrophe ging bei Schönewerk in eins mit dem Wissen um seine Alternative: Barbarei. Ein Mann, der horchte, wo im Lärm die Stille wohnt, während das Fernsehgerät unablässig Nachrichten spuckte, der sich an einer Seite festhalten konnte aus den nahezu täglich wachsenden Bücherbergen, zwischen denen er lebte. Nicht nur dem Ungesagten, auch dem Unsagbaren eine Stimme leihen, das war Dichtung für ihn: der Schmerzlaut, die Klage über eine unüberwindliche Distanz.

Erst in der Beschäftigung mit seinem Nachlas seit seinem Tod im März 2014 ist mir das Existentielle bewusst geworden, das Verführerische und zugleich Bedrohliche jenes Spannungsverhältnisses, in dem er lebte. Der Nachrichtenjunkie, der Mediensüchtige, der Literaturmessie, der rund um die Uhr die Welt hereinzureißen schien in seine vier Wände, fürchtete sie. Aus der Flut ihrer Abbilder richtete er einen Damm gegen die Wirklichkeit auf, eine Mauer, hinter der sich Schmerz und das tiefe Gefühl von Unzulänglichkeit verbergen ließen. Die Welt zu kennen, galt ihm nicht als Gewähr, sie zu genießen, sondern ihr zu entrinnen, ihren Erwartungen, ihrem Drängen auf Zugehörigkeit, Hörigkeit gar.

Klaus-Dieter Schönewerk war aufgewachsen als jemand, der Erwartungen erfüllen wollte. „Forscht, bis ihr wisst“, hatte Brecht geraten und der lyrische Übervater Johanns R. Becher, dessen Ehefrau Lilly den jungen Autor ermutigte, mahnte: „Die Macht ist euch gegeben, dass ihr sie nie, nie mehr aus euren Händen gebt.“ Wer die Welt verändern will, muss sich verbünden. Dem Primus fiel das leicht. Er führte das große Wort, respektlos, aber verlässlich, wurde – kaum erwachsen – Klubhausleiter, studierte Germanistik und Kunstgeschichte und leitete schon Arbeitsgemeinschaften schreibender Arbeiter, Studenten, gab Anthologien heraus, machte sich in der Presse bemerkbar und wurde Anfang der siebziger Jahre einer der jüngsten Redakteure beim Zentralorgan der SED, dem Neuen Deutschland in Berlin. In der Abteilung Kultur zuständig für Kunst und später vor allem für DDR-Literatur war er Teil des überschaubaren Netzwerks einmischungsfreudiger Schriftstellerei. Er war erfolgreich als Journalist, als Leiter des vielfach ausgezeichneten Zirkels schreibender Arbeiter, als Verteidiger des Ästhetischen in Kunst und Literatur gegen die Zumutungen der Ideologie.

Gleichzeitig sind die Signale der Entfremdung, des Zweifels, des Ausweichens in den Gedichten dieser Zeit unüberhörbar. Was Schönewerk in jungen Jahren und vereinzelt später noch zum Fortschritt sagen wollte, blieb affirmativ gegenüber Vorgefundenem und mutmaßlich Erwünschtem. Was Schönewerk sagen musste, maß in anderen Dimensionen. In den glücklichsten Momenten floß dennoch beides zusammen. Wenn er über Fritz Cremers Gekreuzigten schrieb: „Wer, wie er, so nackt ist, wird sich kleiden“, dann war ein gesellschaftliches Jahrtausendprogramm skizziert, dass die sozialistische Provinz nicht wärmte, sondern frösteln machte…

Und dennoch war ihre Niederlage auch die seine. Er hasste den Hass. Er war der Feindschaft feind. Und beides feierte Triumphe. Kam einher mit Erwerbslosigkeit, Arbeit für Almosen, verlegerischen Versuchen, die wirtschaftlich desaströs endeten Entwürdigung in jeglicher Form – und Gedichten. Deshalb standen den Schreibenden auch weiter Herz und Türen offen – wie schon Jahrzehnte lang zuvor. In den Krisenzeiten fragte niemand, wer wen gerade nötiger hatte: der Literatur-Vater seinen Zirkel oder sein Zirkel ihn. Hier öffneten sich die Zwischen-Räume, in denen Auf-Leben möglich war. Und immer geliebt hat er die von Kleist beschriebene „Verfertigung des Gedankens beim Reden“.

Den Tod seiner Frau Eva hat Klaus-Dieter Schönewerk nicht verkraftet. „Bis bald“ ließ er auf die Kranzschleife drucken. Seine letzten Lebensjahre waren die Spanne zwischen Depression und Krebs. Todesnähe und der Seitenblick auf den allmählichen Verlust der eigenen Widerstandskraft durchdringen den Vers, den traurigen, trotzigen, in dem das immer Gewusste allmählich zum leidvoll Erfahrenen gerinnt. Dass er in diesen späten Versen ganz bei sich ankam, einem lakonisch-elegischen Ton, der die realexistierende Karikatur einer Gesellschaft des Gedichtes verweist, zeichnet den Dichter Klaus-Dieter Schönewerk aus.

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