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Klaus-Dieter Schönewerk

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Um 1969 an Klaus-Dieter Schönewerk

Wie kurz ist eigentlich so ein Leben. Ein paar Schrittchen eines kleinen Wesens der großen Menschheitsgeschichte und schon ist der Weg zu Ende. Du reihst dich ein in die Gesellschaft der Unnennbaren, wirst zum Atem, ein kleiner Atemzug des Erdbällchen, bist irgendwo ein kleines Blättchen oder ziehst als Wassertröpfchen über die Kontinente. Überall ist ein Teilchen von Deinem vergänglichen Leib. Ich finde das gar nicht so traurig. Wenn man bloß jetzt seinen Kopf nicht hätte, wär´s noch viel leichter zu ertragen. Aber für die nächsten 50 Jahre sollen wir eben erst einmal in dieser etwas anspruchsvollen Form der Materie herumwandeln.

9.1.1990 an Bärbel

„Auf der Arbeit“ – interne Kämpfchen, und die nächste Betongeneration will noch die Restchen zertrümmern, aus denen noch ein paar lebensfähige Sprosse kommen könnten. Sie begreifen nicht viel, diese Jung-Stalinisten, fühlen sich fast wohl, wo Aufrichtigkeit, Betroffenheit, Nachdenklichkeit so viele Genossen lähmt, sich auch noch gegen ihre kleinen Tyrannen mit den Milchgesichtern und jungen Bärten zu wehren. Das wird uns von unten her aufreiben, befürchte ich.
Dir als meine Bürgin hab ich damals bestimmt einen meiner Beweggründe für den Eintritt genannten, den mir mein Aktivismus einflüsterte: innerhalb der „Reihen“ muß man kämpfen, sicher eine Illusion (auf eigenen Wünschen beruhende Ansicht) wohl. Jedenfalls in „fairem“ Einsatz geht’s nicht, nicht wie ich hoffte.
Und wieder werden die zähen, sich noch festbeißenden Ehrlichen verbrannt, verascht in den eigenen Reihen, das klingt wie letzter Akt der Tragödie.

4.9.1990 an Sebastian

Meine Sache ist, daß ich nichts aufgebe, was man mir nicht aus der Hand nimmt. Und unser „Gegenstand“, das Poetische, der uns über Altersunterschiede doch verbindet, verdient immer und überall verteidigt zu werden.

15.3.1991 an Bärbel

Manchmal sagt was in mir, hast also Bärbel nicht nur strapaziert, und sie hat nicht nur ihre Zeit investiert: Entwicklungen werden ja nicht erst wahr, wenn sie von allen zu sehen sind. Und darin hast Du mich immer bestärkt. Ich muß mich für dunkle Töne nicht mehr entschuldigen (Du warst eine der Ausnahmen, die das nie wollten). Jetzt rede ich über mich, erinnere mich aber dabei an vieles, was mich immer wieder zu Dir gebracht hat, und ich freu mich drüber. Vor einem halben Jahr hörte ich einen Historiker aus Jena, zu meiner Zeit Assistent. Während des Prager Frühlings hat er sich gegen die Zerschlagung ausgesprochen. Er habe zu viele Freunde dort, um die er sich sorge. Wir, alles Studenten, sollten mit Unterschriftenaktionen ihn verurteilen, uns distanzieren. Ich hab´s damals nicht getan, es gab wieder Auseinandersetzungen, ich war zu Dir in die Amalienstraße gekommen und hatte Bestätigung bekommen, zu tun, was ich muß. Es kam seltsamerweise zu keinem Studienausschluß. Aber es hat sich eingeprägt, daß ich in diesen Zeiten außer Dir keinen auf meiner Seite hatte und daß ich mit der Kraft aus unseren Gesprächen meinen Kleinkampf weitergemacht habe. Zumindest weißt Du noch von meinen Zuständen. Und Du hattest eben Recht.

7.4.1991 an Irmgard

Vor Tagen ist wieder eine Frau von unserem Hochhaus gesprungen. War 51 Jahre, wie wir aus der Zeitung erfuhren. Unser Hochhaus bietet sich einfach an. Ich rede Dir davon nur als Fakt. Ich habe diese Entwicklung gewußt.

25./26.08.1993

…Als ich 71 nach Berlin kam, hatte die Stille oder das Hörenwollen in meinen Gedichten eine große Rolle gespielt. (…) Es war überhaupt ein Bemühen, sich die Sinne – auch das Fühlen – nicht vollkleistern zu lassen. Das waren für Städter bestimmt langweilige oder gar nicht begreifbare Themen. Für mich waren solche abendlichen Gedichte eine Art Warnung und Ermutigung, Selbsterhaltung, Festhalten von Augenblicken, ehe ich vielleicht selbst die Sensibilität verliere. Und das ist auch kein guter Lehrer, der sich nicht selbst empfänglich halten kann. Jedenfalls kein guter Deutschlehrer. …

19.10.1993

…Ich mag die flache ruhende Landschaft auch, obwohl ich aus dem Gebirgle komme. Dieses Karge, aber Freie, Offene, Übersichtliche bis zum Horizont bringt mir die Menschen, die darin wohnen, näher, als ich das in der Landschaft meiner Kindheit erfahre. Landschaft und Mensch ist so ein Thema, das mich von klein auf beschäftigt. Das hat einmal mit dem Schreiben zu tun und dann mit der Psychologie, weil ich glaube, daß die Landschaft die Psyche sehr mitprägt…

3.8.1995 an Ursel

…Ja, das ist schön am Dichten: Man schreibt nicht einfach, sondern man sucht lange, unter Mühen, manchmal leichter, aus, was ein Gefühl, eine Stimmung tragen kann, vermitteln kann, bis man glaubt: genau dieses Bild übermittelt dieses Gefühl. Das ist das Abenteuerliche am Poetischen, nicht etwa die Form. Und man freut sich, wenn einer das hören will. Hören könnte mancher, hören wollen oder üben ist das Problem, ist die Mühe…

2.5.1998, an Ursel

Ja, ich habe auch, während die Tränen kullerten, an solche Probleme oder Bilder gedacht, wie die Menschen durch Religionen oder ihre Glaubensgruppen erzogen, beeinflusst werden. Auch das ist nicht neu. Koran, Bibel, Überlieferungen waren für mich als Lehrerin immer mehr als Ideologie, auch literarischer Stoff oder kommunikative Formen. Und mich hat keiner in dieser „atheistischen Diktatur“ daran gehindert. Ich habe vielmehr nur viele gute Bücher in der Schule verloren. Ich musste immer wieder „nachrüsten“. Einfach, weil Kollegen zu faul waren, sich über Reclam oder andere Verlage selbst Material zu besorgen. Schwamm drüber.
Meine eigenen Erfahrungen habe ich weder bei den katholischen Bauernfamilien neben unserer Wohnung oder dem evangelischen „Gottesdienst“ der Mehrzahl meiner Mitschüler erhalten, sondern in der kleinen Sekte „Hirt und Herde“, die mir Bilder aus dem Alten und Neuen Testament mit einem Schwapp nahebrachte, ohne mich festzuhalten, als ich sechs Jahre alt war. Hier fand ich meinen ersten Freund. Als ich sieben war, warb ich ihn für die Pioniere. Bei seiner Mutter. Vater hatte er nicht mehr. Er wurde später unser Gruppenratsvorsitzender. Weil er ein kluger und vermittelnder Typ war. Und war trotzdem noch religiös anders gebunden als die Mehrheit. Während ich ein „Heide“ blieb („Heiden von Kumerow“ von Ehm Welk waren auch meine Literatur). Und ich mitgenommen wurde von Mitschülern zu Omas und anderen, um Verteidigungsreden zu halten für die Jugendweihe, zu der doch alle mitgingen, zu Malern ins Atelier nach eimar, zu Schriftstellern, ins Theater, obwohl Konfirmation, Kommunion ins Haus standen.
Das zur Diktatur des Gewissens in der DDR.

28.5.2001, an Jenny

…Ich wüsste jetzt sehr gern, was Du in letzter Zeit so beobachtest und ob Du auch was davon festgehalten hast. Ich meine natürlich mit einem Stift.
Wenn Du nämlich an einem Tag eine Beobachtung festhältst, schenkst Du ihm und auch Dir eine Perle, eine Perle der Erinnerung, die sonst einfach verloren geht und nie wieder auffindbar wird…

8.1.2007 an Zwicke

Das war seit 1986 ein Teil meiner Arbeit: Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche. Darüber kann ich Dir erzählen, wenn es Dich interessiert. Nur so viel heute: Arbeit an eigenen Texten, Anregungen zum Schreiben, Lesungen, Poesiewerkstätten, Literatur- und Märchenfeste, Treffen mit Schriftstellern, Begegnungen mit anderen Schreibgruppen, Ausstellungen (Foto, Grafiken, Texte) haben die Hälfte meiner Arbeitszeit besetzt, die andere Hälfte waren die berühmten Events, Großveranstaltungen für das FEZ (früher Pionierpalast): Berliner Märchentage, Harry-Potter-Feste, Familien-Wochenenden im FEZ, die Du als Mitarbeiter 4x im Jahr thematisch, konzeptionell, finanziell, inhaltlich, organisatorisch anzubieten hattest, um etwa 10.000 Menschen ins FEZ zu locken. Dann hattest Du Seminare für Erzieherinnen aus Kitas zu halten, selbst Veranstaltungen für Klassen und Gruppen (pro Woche etwa 10x) in den Wochenveranstaltungsplan selbst zu erledigen. Wenn Kollegen mit ihren eigenen „Events“aufgaben kamen, hast Du aus Deinem Fachbereich (bei mir Literatur) selbst Veranstaltungen vorbereitet und „gehalten“ oder Gruppen, Darsteller, Musiker unter Vertrag genommen, z.B. für die Kollegin der Hauswirtschaft: Märchenrezepte, für die Astronomen: Sagen am Sternenhimmel, für den Ökogarten: Kräutermärchen, für die Computerleute: Wortspielspaß, für die Theaterkollegen: Pippi Langstrumpf-Spiele – ja, die Literatur kann eben viele bedienen, reich ist das thematische Angebot, bei dem ich dann selbst in die Rolle des Akteurs, des Spiele-Animators (ist mir jetzt zu aufwendig, ewig auch die weibliche Form zu nennen) übernehmen durfte, musste (weil Honorare knapp) oder auch wollte.

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